News: Lisa Gerß: "Bei 32 Grad Wassertemperatur würde ich weniger von Schwimmtraining sprechen"

07.05.2020 08:54 von Thorsten Eisenhofer

Lisa Gerß ist mit dem Team Bad Orb – Gesund im Spessart in die 1. Bitburger 0,0% Triathlon-Bundesliga aufgestiegen. Wir haben mit ihr im Interview über das Schwimmen bei 32 Grad Wassertemperatur, den Respekt vor einer Profilizenz und den Weg vom dem einen Leistungssport in den anderen Leitungssport gesprochen.

Lisa, konntest du in den vergangenen Wochen mal wieder schwimmen?

Hier in der Region gibt es leider wenige Freiwasserschwimmmöglichkeiten. Aber auf der Arbeit (Gerß arbeitet als Ernährungswissenschaftlerin in einem Gesundheitszentrum, Anm. d. Red.) haben wir ein kleines Sole-Therapiebecken. Jemand musste das Becken für Wasserproben testen. Also bin ich darin ein bisschen geschwommen. Bei 32 Grad Wassertemperatur würde ich aber weniger von Schwimmtraining sprechen. Es war eher für den Kopf ganz schön, mal wieder im Wasser gewesen zu sein.

Wasser war schon in der Kindheit und Jugend dein Metier: beim Rudern.

Ich habe Rudern bis zu meinem 18. Lebensjahr als Leistungssport betrieben, war mehrfach bei Deutschen Meisterschaften. Mein Ziel war es immer, Deutsche Meisterin zu werden. Das habe ich nie geschafft und das hat mich enttäuscht. Nach dem Abitur habe ich Rudern dann weniger ambitioniert betrieben.

Stattdessen hast du während eines Auslandsaufenthaltes mit Laufen angefangen und eine Freundin hat dich dann zum Schwimmtraining eines Triathlonvereins mitgenommen.

Ich hatte anfangs große Furcht vor dem Schwimmtraining. Aber es hat dann voll Spaß gemacht und wir haben zusammen erste Wettkämpfe bestritten. Über die Jahre bin ich dann mehr und mehr in den Triathlon reingerutscht.

Rudern ist mehr Teamsport als Triathlon. Vermisst du den Mannschaftsgedanken?

Anfangs hat mir das schon gefehlt und ich habe oft ans Rudern zurückgedacht. Aber mit den Ligastarts für das Team Bad Orb habe ich plötzlich im Triathlon auch den Teamgedanken gehabt. Es ist natürlich anders, als wenn man zu viert im Vierer sitzt. Aber es macht unglaublich Spaß, im Rennen als Team zu starten.

Mit diesem Team bist du nun in die 1. Bitburger 0,0% Triathlon-Bundesliga aufgestiegen. Euer Aufstieg kam durchaus überraschend.

Das hat sich im Laufe der Saison so entwickelt. Wir sind mit dem Ziel in die Saison gegangen, mal auf dem Podium zu stehen. Dann haben wir gleich das Auftaktrennen in Darmstadt gewonnen. Trotzdem haben wir da noch nicht an den Meistertitel gedacht. Auch nach der Saison mussten wir erst einmal darüber reden, ob wir den Aufstieg auch wirklich wollen. Wir sind nicht die schnellsten Schwimmerinnen, hatten aber Lust auf das Abenteuer.

Wie kam es dann zu einer Entscheidung?

Wir wussten, dass es eine einmalige Chance ist, eine Erfahrung, die man nicht vergisst. Man kann ja durchaus stolz sein, wenn man in solch einer Liga gegen internationale Stars antreten kann. Das hat seinen Reiz. Klar war nur, wir mussten uns alle voll darauf einlassen.

Das heißt?

Das heißt, dass die Bundesliga bei jeder von uns im Mittelpunkt des Triathlonjahres stehen muss. Wir haben zum Beispiel alle keine Langdistanz geplant. Auf den längeren Distanzen ist das Radfahren entscheidend, bei der Sprintdistanz das Schwimmen. Also war klar: Wir müssen mehr Schwimmen, um irgendwie mitzuhalten.

Du hast also quasi für 2020 eine Langdistanz geopfert, um in der 1. Bitburger 0,0% Triathlon-Bundesliga zu starten?

Das ist jetzt vielleicht ein bisschen hart ausgedrückt. Es hat sich einfach im Team der Gedanke entwickelt, dass wir das Abenteuer Bundesliga annehmen wollen. Dafür mussten wir alle mehr ins Schwimmen investieren und uns zu 100 Prozent auf die Bundesliga einlassen. Und es hat sich einfach abgezeichnet, dass alle im Team diesen Weg gehen wollen.

Du hast Spaß an den kurzen Distanzen, warst aber auch schon Vierte der Ironman-70.3-WM in deiner Altersklasse und hast bereits eine Langdistanz absolviert. Was ist eigentlich deine Distanz?

Meine Lieblingsdistanz ist die Mitteldistanz, wobei ich die Sprintdistanzen auch sehr mag bei den Ligawettkämpfen. Ich finde es toll, im Team zu starten und gemeinsam etwas zu erreichen. 2019 gab es einen Ligawettkampf, bei dem ich echt zu kämpfen hatte. Das geht einfacher, wenn man sich dann auch für die anderen reinhängt.

Wird deine Entwicklung dich trotzdem mittelfristig auf die längeren Distanzen führen?

Wenn man Triathlon ambitioniert betreiben will und nicht vom Schwimmen kommt, muss man sich auf die längeren Distanzen orientieren – auch wenn die kurzen Distanzen im Team viel Spaß machen und für die Spritzigkeit wichtig sind.

Eine Langdistanz hast du schon absolviert. Werden weitere folgen?

Der Reiz auf eine weitere Langdistanzen ist langsam wieder da (lacht).

Siehst du dich noch als Hobbyathletin oder schon als ambitionierte Leistungssportlerin?

Unterschiedliche Leute legen die Begriffe unterschiedlich aus. (überlegt kurz) Ich würde mich schon als ambitionierte Leistungssportlerin sehen, weil ich den Sport wettkampfmäßig betreibe und in meinem Leben einiges hinter dem Sport anstelle und nach einem strukturierten Plan trainiere. Ich könnte mir auch mal vorstellen, mit einer Profi-Lizenz zu starten.

Was ist dafür Voraussetzung?

Wenn sich meine Leistungskurve weiter so entwickelt, ist das eine realistische Option. Ich finde allerdings, dass das keine so leichte Entscheidung ist. Ich bin da auch schon öfter darauf angesprochen worden. Anfangs konnte ich es mir nicht so vorstellen, weil ich immer dachte, dass Profis Athleten sind, die nur Sport machen und auch davon leben können. Das ist bei mir ja nicht so. Wenn man es aber aus einer anderen Perspektive sieht, nämlich der, dass der Grund für den Wechsel der Reiz ist, sich mit den Besten zu messen, kann ich es mir vorstellen.

Es ist also ein Weg.

Ich brauche noch ein bisschen mehr Bestätigung im Altersklassenbereich in Form von Siegen. Wenn ich meinen vierten Rang von der Ironman-70.3-WM im Vorjahr nehme, kann man den ja auch so interpretieren, dass ich in den Altersklassenbereich noch gut hingepasst habe.

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